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Raus aus der Innovationssackgasse: Mut statt Absicherung und Perfektion

11. Sept.
9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Leuchtendes EXIT-Schild in rot-gelb beleuchtetem Flur mit Rohren und Türen, düstere Notausgangsstimmung.


Kennst Du das Gefühl? Ein Team sitzt zusammen. Die Luft dick, Budget weg, Leute fehlen, Termine brennen. Alle reden darüber, was nicht geht. Die Liste der Einschränkungen wird länger und länger. Ihr seid in der Innovationssackgasse. Am Ende ist die Frustration größer als vorher und man vereinbart einen Folgetermin, weil man nicht voran gekommen ist.

Ich erlebe das so oft und natürlich gibt es die gleiche Ausgangssituation auch in japanischen Teams. Der Unterschied liegt oft nur in einem einzigen Moment: dem Zeitpunkt, an dem jemand den Blickwinkel wechselt. In Japan habe ich sehr früh etwas gelernt, das mich bis heute begleitet: Dem Frust wird nicht die Oberhand gegeben. Aber er bekommt kurz Raum und jeder, der möchte, darf sagen, was gerade einschränkt. Die Formulierungen sind sachlich und beschreiben Beobachtungen, Empfindungen oder Fakten. Man verliert sich nicht in Emotionen. Das ist wichtig. Und dann wird der Schalter umgelegt: „Ok, so ist es nun. Und was genau können wir jetzt in diesem Handlungsspielraum tun?" Wenn man die Situation nicht ändern kann, muss man alternative Wege suchen, Ideen, auch wenn sie noch so klein und unfertig sind.

Diesen Wechsel nenne ich den Macherblick. Er ist beruhigend und kraftvoll zugleich. Weil man plötzlich spürt:


Im Projektkontext hat man immer eine Option. Immer! Auch wenn sie klein scheint.

Die Innovationsackgasse als reales Problem im Mittelstand?


Ich beobachte immer wieder denselben Mechanismus. Viele Menschen investieren enorm viel Zeit und Energie, um beim ersten Aufschlag eine möglichst perfekte Lösung zu präsentieren. Eine detaillierte PowerPoint. Ein durchdachtes Dokument. Sie wollen gut dastehen, haben Angst vor Kritik und übersehen dabei, wie wichtig Feedback in dieser frühen Phase ist – und wie unwichtig Perfektion.

Bei der T-Systems MMS haben wir das den „Fluch des großen A“ genannt. Ein Pitch folgt der Logik N-Need, A-Approach, B-Benefits, C-Competition. Und trotzdem liegt der Fokus vieler Pitchgeber sofort auf dem Approach. Dabei müssten sie mit dem Need und den Benefits anfangen.


Perfektionismus ist ein riesiger Hemmschuh. Dazu kommt dieser Satz, den ich so oft höre: „Wenn wir erst das Budget haben… wenn wir erst die Leute haben… wenn wir erst die Zeit haben…“ Dahinter steckt die Erwartung: „Haben – Tun – Sein“. Erst wollen wir alles geklärt und bereitgestellt haben, dann legen wir los und dann schaffen wir es. Und genau diese Reihenfolge führt in die Sackgasse.

Besser wäre es, zu denken: „Wir planen so, als ob wir alle Möglichkeiten hätten. Man hat ja oft nichts zu verlieren. Und wenn man auf die perfekten Rahmenbedingungen wartet, wird es meistens nie etwas."

Die Zahlen der KfW zeigen, wie eng es wirklich ist: Nur 41 Prozent der mittelständischen Unternehmen haben zwischen 2022 und 2024 mindestens eine Innovation hervorgebracht. Bei den ganz kleinen Betrieben unter fünf Beschäftigten waren es sogar nur 37 Prozent. Bei den größeren Mittelständlern mit mehr als 50 Mitarbeitenden lag der Anteil bei 73 Prozent.

Und das Spannende: Die allermeisten dieser Innovationen entstehen gar nicht in eigenen Forschungsabteilungen. Nur drei Prozent der Mittelständler betreiben eigene kontinuierliche F&E.


Balkendiagramm zur Innovatorenquote im deutschen Mittelstand: kleine Unternehmen 37 %, gesamt 41 %, große 73 %.

(Quelle: KfW Research, Innovationsbericht Mittelstand 2025 / Pressemitteilung vom 4. März 2026).


Allerdings wurde hier wurde die erweiterte OECD-Definition von Innovation zugrunde gelegt: Relevant sind dort Produkt-, Prozess-, Organisations- oder Marketing-Innovationen, die für das Unternehmen neu sind. Das bedeutet, wenn etwas neu für das Unternehmen selbst war, galt es schon als Innovation.

Hinzu kommen die „organisatorischen Probleme“, die im ZEW/Mannheimer Innovationspanel 24 % der befragten Unternehmen als Hemmnis nennen.


Was Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer im Alltag sehen


  1. Das Tagesgeschäft frisst die Zukunft.

Inhaber und GF sitzen mittendrin in operativen Aufgaben. Zeit für Neues entsteht nicht „irgendwann“, sie wird verdrängt. Studien zu KMU beschreiben das als klassischen Engpass: starke Einbindung ins Alltagsgeschäft, fehlende Freiräume, fehlendes Methodenwissen für Ideenentwicklung und Projektsteuerung.

  1. Die Führungsperson ist oft selbst der Flaschenhals.

In kleinen Betrieben läuft Innovation personengetrieben, nicht prozessgetrieben. Nur 3% der deutschen KMU haben eine eigene, kontinuierliche F&E. Fehlt beim Inhaber die Haltung oder die Zeit, bleibt Innovation Zufall. Und ich ergänze: 41 % Innovationsquote, aber nur 3 % mit kontinuierlicher F&E ? Das heißt, Innovation entsteht also meist im Alltag, nicht im Labor.

  1. Absichern schlägt Ausprobieren.

Perfektion wirkt wie Sorgfalt, ist dabei aber oft Entscheidungsvermeidung. Noch eine Rückabsicherung, noch eine Präsentation, noch ein Mitzeichner. Solange unfertige Ideen als Risiko gelten, kommt nichts auf den Tisch.

  1. Innovation steht nicht auf der Zielscheibe.

Was nicht in Zielen, KPIs und der Wochenplanung vorkommt, verliert gegen Umsatz, Liefertermine und Personalengpässe. Für die Geschäftsführung ist das rational: Das Quartal zählt jetzt, das Experiment erst später.


Was Mitarbeitende im Alltag erleben


  1. Kein Resonanzraum für unfertige Ideen.

Wer eine Idee äußert und sofort „Aber…“ und eine Liste an Einwänden hört, lernt schnell: Hier kann ich sowieso nichts bewegen. Wenn Interesse und Feedbackkultur fehlen, dann bleibt Kreativität im Kopf.

  1. Angst vor Fehlern und Bloßstellung.

Angst vor Fehlern führt dazu, dass Menschen bewährte Aufgaben wählen und Risiken meiden oder Fehler vertuschen. In einem solchen Umfeld lernt man schnell: Lieber den Mund halten. Ein konstruktives Fehlerklima ist in innovativen KMU ein wichtiger Erfolgsfaktor.

  1. Fehlende Zeit und das Gefühl, Innovation sei „extra“.

In einer Befragung von Fachkräften (Avantgarde Experts, 2024, Link s.u.) nannten Beschäftigte als Innovationsbremsen: starre Strukturen 39 %, fehlendes Budget 33 %, fehlende Zeit im Alltagsgeschäft 31 %. Nur 27 % der Fachkräfte fühlten sich über Innovationen im eigenen Unternehmen gut informiert, bei Führungskräften waren es 40 %. Die Botschaft nach unten kommt also oft nicht an.

  1. Keine Erlaubnis, an fremden Ideen mitzubauen.

Wenn Ideen im "Besitz" von jemandem bleiben („das ist meine Lösung“), entsteht bei anderen keine Identifikation. Dann investiert niemand Zeit, aber es braucht immer ein Team verschiedener Perspektiven, um eine Idee gut voranzubringen. Siehe weiter unten das "Wohnungsgleichnis".


Zusammenfassend die Hauptursachen für die Innovationssackgasse:


💡Tipp: Formuliere die Hemmnisse in positive Aktionen um, die zu deiner Organisation passen!

Ebene

Typische Sackgasse im Alltag

Zeit

Operatives Geschäft hat immer Vorrang

Haltung

Perfektion vor Feedback; „Haben, dann Tun“

Führung

GF steuert alles selbst, delegiert Experimente nicht

Kultur

Fehler = Schwäche; unfertige Ideen = unprofessionell

Organisation

Kein fester, niederschwelliger Ort für Ideen

Kommunikation

Mitarbeitende wissen nicht, wo Innovation erwünscht ist

Anreize

Wer fertig liefert, wird belohnt – wer testet, trägt das Risiko


Die echte Innovationskraft kommt aus dem Alltag. Genau dort, wo der Druck am größten ist.

Für mich bedeutet Innovationskraft deshalb etwas anderes als große Budgets oder freie Kapazitäten. Sie bedeutet die Fähigkeit, auch unter knappen Ressourcen und Fachkräftemangel so zu handeln, als wäre Experimentierfreude selbstverständlich. Und sie bedeutet, immer nach neuen Wegen zu suchen. Genau das macht Zukunftsfähigkeit aus.


Innovation beginnt beim Sein – nicht beim Haben


Hier kommt ein Gedanke, der mich persönlich stark geprägt hat und den viele aus dem Law of Attraction kennen:

Die wirksame Reihenfolge ist Sein – Tun – Haben (und nicht Haben - Tun - Sein).

Das bedeutet: man verhält sich bereits so, als wären Kreativität und Offenheit im Unternehmen überall selbstverständlich und normal. Dann handelt man in kleinen Schritten. Und dadurch entstehen nach und nach die Bedingungen, die man sich gewünscht hat.

Wer auf die perfekten Rahmenbedingungen wartet, wartet meistens ewig. Es kostet weder viel Geld noch große Ressourcen, den Macherblick zu trainieren. Es braucht vor allem den Mut, unperfekt anzufangen.


Innovation kann man nicht verordnen. Sie beginnt dort, wo Menschen sich so verhalten, als wären Kreativität und Experimentierfreude selbstverständlich.

Wie du das im Alltag eines kleinen Unternehmens verwirklichen kannst


Innovationsspirit beginnt nicht mit großen Projekten. Er beginnt mit Haltung und mit ein paar einfachen, wiederholbaren Dingen.


Zuerst brauchst du ein gemeinsames Verständnis...


Bevor Teams kreativ werden sollen, kläre zwei Fragen:

  • Was verstehen wir hier unter Innovation? (Setze die Messlatte nicht zu hoch an, um realistisch und motiviert zu bleiben: Nicht die große Weltneuheit, sondern alles, was für uns neu oder verbessert ist.)

  • Wo müssen wir rechtssicher und exakt arbeiten? Und wo genau haben wir bewusst kreativen Spielraum?

Diese Klarheit nimmt enormen Druck raus. Viele trauen sich sonst nicht, Ideen zu äußern, weil sie Angst haben, etwas „Falsches“ zu sagen.


...dann: Mut zur Lücke und die Pareto-Regel - 80% reichen


Perfektion ist in der Ideenphase nicht nur unnötig, sie ist schädlich!

Mit 20 Prozent Aufwand erreichst Du oft schon 80 Prozent der Wirkung. Eine unfertige Idee, die geteilt wird, ist wertvoller als eine detailliert ausgearbeitete Idee, die niemand braucht. Und dazu gehört wohlwollende Nachsichtigkeit. Wenn jemand etwas Unausgegorenes sagt, sollte die Reaktion Interesse statt sofortige Kritik sein. Das signalisiert: Hier darf man unperfekt sein. Aus Fehlern lernen wir, und wir müssen schnell korrigieren können und dürfen.


Führung muss mutig sein und teilen können


Führungskräfte, die übervorsichtig sind, killen Dynamik und schaden der Unternehmenskultur. Risikovermeidung durch endlose Abstimmungsschleifen ist ein Zeichen von Unsicherheit. Sie erstickt jeden Innovationsspirit und bremst aus.

Mit Unsicherheit umgehen zu können, d.h. unter Unsicherheit verantwortungsvolle, aber dynamische Entscheidungen treffen zu können, ist eine Schlüsselfähigkeit für erfolgreiche Innovation. Führungskräften, die den Mut dazu haben, gehört die Zukunft!


Früher galt Perfektion als Qualitätsmerkmal. Heute ist sie oft ein Wettbewerbsnachteil. (Boris Nannt)

Stell dir vor, du ziehst in eine neue Wohnung. Der Vermieter erlaubt keine Veränderungen, alles muss so bleiben wie es ist. Was macht das mit dir? Kannst du diese Wohnung zu deiner machen? Oder bist du nur zu Gast? Kümmerst du dich um die abgebrochenen Fensterknäufe? Oder überlässt du sie ihrem Schicksal? Genau so ist es mit Ideen. Willst du, dass andere mitmachen? Dann lass deine Ideen los, auch wenn sie noch nicht "fertig" sind! Erlaube anderen, an deinen Ideen zu arbeiten, Teile davon zu ihren zu machen! Insbesondere, wenn du Führungskraft bist. Sonst hat niemand Lust, in sie zu investieren, denn die Ideen und Projekte werden nie zu ihren und es fehlt die Identifikation. (Danke, liebe Christina Flehr, für dieses schöne Gleichnis!)



Frau mit schwarzem Hut sitzt im Schneidersitz in leerem, hellem Zimmer mit Holzboden und großen Fenstern.
Kannst du diese Wohnung zu deiner machen?

Kleine Schritte mit Fristen festlegen


An Ideen zu arbeiten, darf kein Fass ohne Boden sein. Keine Spielweise.

Definiere kleine Schritte, die in kurzer Zeit, wie einigen Wochen bis maximal wenigen Monaten erreicht werden können, um die Ideen zu bewerten oder mit dem Projekt voranzukommen. Definiere dazu Hypothesen, die es zu belegen oder zu widerlegen gilt. Und auch hier gilt die Pareto-Regel. Auch muss jederzeit nachjustiert oder umgesteuert werden dürfen.

Mit diesem Vorgehen, bei dem man immer nur die nächsten wenigen Schritte genauer definiert, erleichtert man sich das strukturierte Vorankommen mit unsicheren, nebulösen Themen.


Fünf niederschwellige Formate zum Loslassen von Ideen


Ideen müssen raus – und zwar unkompliziert. Menschen wollen auf einen Resonanzraum treffen, wo ihre Ideen aufgenommen, akzeptiert, geschätzt und gepflegt werden.

  1. Eine einfache digitale Ablage (SharePoint, Confluence oder ein gemeinsamer Ordner), in der Ideen unsortiert und unfertig abgelegt werden können. Noch besser, wenn das mit wenig Klicks oder sogar per Spracheingabe und KI-Unterstützung geht.

  2. Und nicht-digitale Formate: eine Ideentafel in der Küchenecke, ein offenes Notizbuch an der Kaffeemaschine, Ideen-Zettel in einer Box.

  3. Oder mein Favorit: der Kaffee-Talk: 20 Minuten, im Stehen, Kaffee in der Hand, offene Frage, kein Lösungsdruck. Einfach Gedanken austauschen.

  4. Den Macherblick trainieren: In Meetings dem Frust kurz Raum geben und dann bewusst umschalten. „Was können wir jetzt mit dem, was wir haben, ausprobieren?“ Am Anfang von Workshops und Terminen den Druck bewusst rausnehmen und klar sagen: „Heute geht es zuerst nur darum, Gedanken auszutauschen, noch nicht darum, Lösungen zu finden.“ Ich erlebe immer wieder, dass Teams so spürbar offener und produktiver werden.

  5. Einmal pro Woche 30 Minuten Mini-Experiment-Zeit. Jeder darf etwas Kleines ausprobieren, ohne große Ankündigung. Dabei Fehler und Lernmomente normalisieren: „Was haben wir diese Woche ausprobiert, das nicht funktioniert hat und was nehmen wir mit?“


Die Formate müssen niederschwellig und unkompliziert sein. Am stärksten wirken sie, wenn Führungskräfte selbst unfertige Ideen teilen und laut sagen: „Das ist noch nicht durchdacht und trotzdem bringe ich es jetzt ein.“ Das ist gelebter Mut zur Lücke.



Erst sein, dann tun, dann haben - Was genau ist dein Investment?


Dein Invest - und der aller- ist vor allem erstmal regelmäßig ein kleines bisschen Zeit. Und das über einen Zeitraum von einigen Monaten hinweg. Könnt ihr das?

Ungeduld und Druck haben dabei nichts zu suchen.

Du wirst sehen: in dem Augenblick, in dem alle den 20min Kaffee-Talk oder die Mini-Experimente als "normal" betrachten, kommen die Ideen und diese werden sich Stück für Stück konkretisieren und Gestalt annehmen. Und dann seid ihr schneller beim Innovationsprojekt, als gedacht.



Dein nächster kleiner Schritt


Innovation beginnt nicht, wenn die Rahmenbedingungen endlich stimmen. Sie beginnt dort, wo Menschen sich bereits so verhalten, als wären Experimentierfreude und Kreativität selbstverständlich.


Zwei Männer lachen draußen im Café und halten kleine Kaffeetassen; lockere, fröhliche Pause mit verschwommenem Hintergrund.
Wie lange braucht man für einen Kaffee, bevor er kalt wird? So lange, wie kurz über eine Idee zu sprechen.

Probier es aus. Starte in den nächsten sieben Tagen einen eigenen kleinen Kaffee-Talk in deinem Team oder mit zwei Kolleginnen und Kollegen. Nimm dir nur 20 Minuten, stelle eine offene Frage und schalte bewusst in den Macherblick.

Und dann schreib gerne einen Kommentar darüber, was passiert ist. Ich bin wirklich neugierig.



Wenn du mehr zum Thema lesen willst:




Dr. Babette Sonntag ist Innovationsmanagerin, Keynote Speakerin und Die Innonautin. Sie hilft Managern im Mittelstand, die etwas Neues bewegen wollen und feststecken, mit japanischem Spirit als Booster. 👉 dieinnonautin.de | LinkedIn

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