Innovation auf vier Pfoten: Coaching neu denken
- Dr. Babette Sonntag

- 3. Feb.
- 6 Min. Lesezeit

Innovation ist kein exklusives Thema für Technologie oder Produktentwicklung, sondern lässt uns auch "Coaching" neu denken. Der Coachingmarkt verändert sich, Coaching hat viele Gesichter – und manchmal sogar vier Pfoten.
Könnt Ihr Euch vorstellen, von einem Vierbeiner zu lernen, wie ihr selbstsicherer werdet und im Arbeitsleben für euch einsteht? Der Gedanke ist für mich neu und faszinierend. Als Innovationsmanagerin war ich sofort begeistert.
Um diese Art der Coachinginnovation besser zu verstehen, habe ich mit Dorothea Brandes von Coaching mit Hund & Herz gesprochen: Sie denkt Teamentwicklung, Organisationsentwicklung und Potenzialentfaltung radikal neu und setzt dabei auf eine Co-Trainerin, die nicht spricht, aber umso deutlicher kommuniziert.
Aber lest selbst:
Liebe Doro, "Coaching mit Hund & Herz“ klingt ungewöhnlich. Was genau steckt dahinter und was macht deinen Ansatz innovativ?
Innovation bedeutet für mich nicht, immer neue Methoden zu erfinden, sondern auf einen Satz gebracht, Lernprozesse unter Unsicherheit zu ermöglichen und wirksamer zu machen. Hundegestütztes Coaching ermöglicht genau das: durch unmittelbares Feedback, jenseits von Hierarchie, Bewertung und Selbstdarstellung.
Ich verbinde klassisches systemisches Coaching mit der unmittelbaren, nonverbalen Rückmeldung meiner Therapiehündin Martha. Sie agiert als Co-Coach, die das Verhalten und emotionale Gestimmtheit des Coachees spiegelt – und zwar direkt im Moment, ehrlich und wertfrei.
Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Coachingansätzen: Selbstreflexion entsteht nicht primär im Gespräch, sondern im Erleben. Der Coachee erfährt durch Martha unmittelbar, welche Wirkung sein Verhalten hat und ob Worte und Körpersprache übereinstimmen. Als typischer Riesenschnauzer versucht Martha nicht sich anzubiedern, sondern ist unabhängig, direkt und klar. Ich begleite dabei, Marthas Signale einzuordnen.
„Wenn man sich auf die Interaktion mit Martha als vierbeinigem Coach einlässt, entsteht eine außergewöhnlich kraftvolle Form der Intervention.“
Wie kann man sich das konkret vorstellen? Muss ich Aufgaben durchführen und Martha reagiert dann auf mich?
Was in klassischen Coachingprozessen oft abstrakt bleibt, wird in der Interaktion mit dem Hund sichtbar und fühlbar. Tiere legen keinen menschlichen Wertemaßstab an, deshalb wird ihr Feedback selten als belehrend oder manipulativ empfunden. Die Deutung des Erlebten erfolgt selbstverständlich im Coachingprozess zwischen Coachee und mir; das kann Martha nicht übernehmen.
Du kannst dir das so vorstellen:
Oft sind es einfache Situationen, in denen Martha als Co-Coach besonders klar spiegelt, was im Arbeitsalltag üblicherweise verborgen oder unausgesprochen bleibt.
Wenn ich beispielsweise den Coachee bitte, Martha ohne Leine und ohne sprachliche Einwirkung durch einen offenen Raum oder durch einen kleinen Parcours zu führen, funktioniert das nicht über Kommandos, sondern über innere Klarheit und Präsenz im Augenblick. Zeigt der Coachee Unsicherheit oder innere Unruhe, orientiert sich Martha nicht, wird unsicher oder übernimmt selbst die Führung. Wird der Coachee fokussierter, ruhiger und klarer, ist es Martha möglich, konzentriert zu folgen. Dieses Verhalten ist kein Urteil, sondern eine direkte Rückmeldung auf die innere Haltung. Im anschließenden Gespräch reflektieren wir, welche Parallelen der Coachee zu seiner lateralen oder disziplinarischen Führungsrolle erkennt.
Ein weiteres Beispiel: In einem Kleingruppensetting bitte ich die teilnehmenden Personen zu beobachten, wie Martha auf die Anwesenden reagiert: Nähe entsteht, Distanz bleibt oder verändert sich, hier ist Aufmerksamkeit, dort Aufregung oder Unsicherheit. Ohne Bewertung wird erfahrbar, wie sehr Präsenz, Offenheit und Gestimmtheit Wirkung entfalten. Der Hund gibt dabei ein ehrliches, wertfreies Feedback auf Beziehung und Selbstregulation. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Diese Erfahrung dient als Impuls für Gespräche über Erwartungshaltungen in der Zusammenarbeit, Feedback-Kultur, Vertrauen und psychologische Sicherheit im Arbeitskontext.
„Denken, Fühlen und Handeln finden im hundegestützten Coaching zusammen.“
Gerade in unserer häufig verkopften und digitalisiert verkürzten Welt ist das ein entscheidender Unterschied zu rein sprachbasierten Methoden. Und darauf aufbauend ist dann eine wirkliche ganzheitliche Entwicklung möglich, sei es privat oder im beruflichen Umfeld.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Martha als Co-Coach einzusetzen und Coaching neu zu denken? Gab es einen Schlüsselmoment?
In meiner Arbeit mit Menschen – sei es in der Rolle als Konfliktmoderatorin oder auch in der Teamentwicklung – erlebe ich, dass obwohl viel gesagt wird, sich nicht immer alles davon stimmig anfühlt. Gerade im beruflichen Umfeld wird häufig einige Energie darauf verwendet, eine Fassade aufrecht zu erhalten, um keine angebliche Schwäche oder Verletzlichkeit zu zeigen. Diese Widersprüchlichkeiten aufzuschließen und die Menschen dafür zu öffnen, sich wohlwollend zu reflektieren und ihren eigenen Weg zur Problemlösung oder persönlichen Weiterentwicklung zu finden, kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Oder man bleibt an der Oberfläche der Themen und tut einfach so "als ob".
Gleichzeitig habe ich bei Martha beobachtet, wie klar sie auf innere Zustände reagiert: nicht auf Worte, sondern auf Haltung, Präsenz und Kongruenz. Das habe ich bei mir zuerst erlebt und Menschen, die selbst mit einem Hund zusammenleben, wissen: Der Hund spiegelt das eigene Verhalten.
Der Schlüsselmoment kam in einem Trainingsseminar zur körpersprachlichen Kommunikation mit Hunden. Eine einfache Übung, die ich oft gemacht hatte, sollte vor einer Gruppe stattfinden. Es ging um das Thema Kooperation. Ich saß vor Martha auf einem Stuhl und habe rechts und links vor meinem Körper in beiden Händen ein Futterstück verborgen gehalten. Die Hündin hatte das Futter längst erschnuppert, sollte sich aber von dem Reiz oder anders ausgedrückt, diesem gestellten Konflikt, lösen und einen kurzen Blickkontakt zu mir zu suchen. Dies wäre dann der Augenblick der Kooperation gewesen und daraufhin hätte ich Martha die Futterbelohnung gegeben, um diese Lernerfahrung positiv zu belegen. Ich wollte alles „richtig“ machen und wurde nervös, die Atmung flacher. Das kleine Teufelchen „Anspruch“ saß auf meiner Schulter. Was dann geschah? Martha reagierte sofort: bellen, anspringen, in die Jacke beißen, herumkaspern. Sie hätte mich beinahe vom Stuhl gekippt. Ein Riesenschnauzer in Aufregung ist kein Spaß...
Dann habe ich, so war jedenfalls meine Erinnerung an diesen meiner Meinung nach unrühmlichen Vorfall, die Übung „irgendwie“ zu Ende gebracht und war froh, als es vorbei war. In der Nachbesprechung sagte eine Teilnehmerin: „Als Martha so aufgeregt war – was hast du da gemacht?“ Ich wusste es nicht mehr. Sie antwortete selbst: „Du bist ganz ruhig geworden. Wo Martha schnell war, wurdest du langsam und bedacht, und dann wurde es leicht.“
Da wurde mir klar: Ich muss nicht das Verhalten des Hundes managen, sondern meine eigene Gestimmtheit gestalten - und ausstrahlen.

„Wirkung beginnt immer bei mir selbst. Das war mein Wendepunkt, mein persönlicher Martha-Moment.“
Viele Unternehmen suchen nach Wegen, innovativer zu werden. Wie unterstützt dein Ansatz Mut und Kreativität?
Im hundegestützten Coaching erleben Menschen unmittelbar, wie sie wirken: Wie klar kommuniziere ich? Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Wie viel Vertrauen gebe ich und wie viel strahle ich aus?
„Innovation braucht Menschen, die mutig, offen und selbstreguliert sind.“
Und Organisationen brauchen eine Kultur, in der Fehler nicht nur toleriert, sondern als Lernchancen genutzt werden. In einer Welt voller Ambivalenzen, Unsicherheiten und Dynamik zählt weniger das Reproduzieren von Wissen, sondern die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Hundegestütztes Coaching trainiert genau diese Kompetenzen erfahrungsbasiert: Selbstwahrnehmung, Beziehungsgestaltung, Intuition und Verantwortungsübernahme für die eigene Wirkung.
Welche Rolle werden emotionale Intelligenz und „tierische Impulse“ in der Arbeitswelt von morgen spielen?
Ich bin überzeugt, dass emotionale Intelligenz und der Umgang mit den emotionalen und mentalen Ressourcen zu Kernkompetenzen der Arbeitswelt werden. Damit meine ich die Fähigkeit, diese Ressourcen bewusst zu nutzen, zu regulieren und einzusetzen – nicht als „Soft Skill“, sondern als strategische und taktische Fähigkeit. Je komplexer, dynamischer und unsicherer unsere Arbeitswelten werden, desto wichtiger werden Selbstwahrnehmung, die Klaviatur der Einfühlung und Abgrenzung und echte Verbindung. Diese Qualitäten helfen uns im Ganzen, resilienter zu werden.
„Tierische Impulse“ helfen, emotionale und mentale Ressourcen nicht nur zu besprechen, sondern zu erleben. Sie holen Menschen aus dem Kopf und bringen sie in Kontakt mit sich selbst und anderen.“
Für Führung, Zusammenarbeit und Innovation bedeutet das:
🔹Weniger Kontrolle, mehr Präsenz
🔹Weniger Schein, mehr Stimmigkeit.
Darin liegt eine große Zukunftschance.
Wichtig ist dabei eine wertebasierte Haltung: Tiere sind Co-Coaches, keine Werkzeuge. Ihr Wohlbefinden steht an erster Stelle – das ist für mich als Fachkraft für hundegestützte Intervention selbstverständlich.
Fazit: Doro und Martha setzen neue Maßstäbe und Innovation hört nicht beim neuen Produkt auf
Die Arbeitswelt verändert sich rasant: Digitalisierung, KI und Remote Work stellen uns vor neue Herausforderungen. Der Wettbewerb um Talente wächst und Unternehmen suchen nach Wegen, Menschen zu fördern, zu binden und zu inspirieren.
Standardisierte Ansätze stoßen hier an Grenzen. Individuelle Bedürfnisse und komplexe Situationen verlangen flexible, maßgeschneiderte Konzepte. Gleichzeitig steigt der Bedarf an emotionaler Intelligenz, Resilienz und echter Verbindung.
Coachingangebote spielen eine wachsende Rolle bei Weiterentwicklung und Mitarbeiterbindung, aber sie müssen individuell sein.
Innovative Methoden wie hundegestütztes Coaching bieten genau hier einen entscheidenden Mehrwert für Menschen, Teams und Organisationen.
Hundegestütztes Coaching schafft neue Perspektiven, stärkt die Glaubwürdigkeit von Coaches und ermöglicht Entwicklung, die wirklich unter die Haut geht.
Vielleicht braucht es für echte Innovation manchmal einfach eine kühle Hundenase – bereit, dir zu zeigen, was wirklich in dir steckt.
Bist du bereit, dich von vier Pfoten mutiger machen zu lassen?

Mehr über Doro und Martha erfahrt ihr hier:




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