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Teil 4: Die Expertenfalle in der Innovation und wie du dich daraus befreist - Shu Ha Ri und Shoshin

Aktualisiert: vor 3 Tagen



Junge mit Brille sitzt in einer Bibliothek und liest ein Buch; darüber deutsches Zitat, unten steht Die Innoautin ®.


Der erfolgreichste Autobauer der Welt schlägt gerade Alarm. Trotz Rekordumsätzen warnt Toyota: „Wenn sich nichts ändert, werden wir nicht überleben.“

Wie kann es sein, dass ausgerechnet das Unternehmen, das Leanmanagement und Effizienz perfektioniert hat, jetzt ums Überleben kämpft?

Das Paradox dahinter ist hochrelevant für Führungskräfte: Nicht mangelnde Expertise wird zum Problem, sondern zu viel davon. Genau hier beginnt das, was ich die Expertenfalle in der Innovation nenne.


Denn je mehr Erfahrung, Routinen und bewährte Methoden ein Unternehmen aufgebaut hat, desto größer ist die Gefahr, dass genau diese Expertise zur unsichtbaren Grenze wird und den Blick verengt, statt ihn zu öffnen. Toyota hat bisher von einem Geschäftsmodell gelebt, welches nicht mehr funktioniert. Aber weil es bisher so gut funktioniert hat, können sie es so schwer loslassen. Genau dieses Problem kennen wir in Deutschland auch sehr gut, und wir sehen, wie schnell uns die Zeit davon läuft und wie schnell erreichte Standards verloren gehen. Genau das zu verhindern ist die Stärke und der Mehrwert von Innovationsmanagern.




Shu Ha Ri und Shoshin gegen die Expertenfalle in der Innovation


Heute, in Teil 4 der Japanischen Innovationslandkarte (Link zu den anderen Teilen) widme ich mich zwei Prinzipien, die zeigen, wie wir trotz wachsender Expertise ein offenes, lernendes Mindset bewahren können: Shu Ha Ri und Shoshin.



Loslassen, was wir glauben zu wissen, um unvoreingenommen neu zu denken - das ist die Kunst!


Folie LERNEN: Wie entwickeln wir Innovationsfähigkeit? Drei Lernstufen und Hinweis: Geduld statt Übersprunghandlungen.
Cluster "Lernen" der japanischen Innovationslandkarte


Shu Ha Ri – Die drei Stufen zu echter Meisterschaft


Shu Ha Ri ist ein altes Prinzip aus den japanischen Kampfkünsten, das den Weg zur wahren Meisterschaft beschreibt. Es wurde vor allem durch Meister wie Morihei Ueshiba (Begründer des Aikido) geprägt und später in die Bereiche Business, Agile und Innovationsmanagement übertragen.

Der Begriff setzt sich aus drei japanischen Schriftzeichen zusammen:

  • Shu (守): „Befolgen“ oder „Bewahren“. In dieser ersten Phase lernst du die Regeln, Techniken und Prinzipien diszipliniert und präzise. Du imitierst den Meister bewusst, baust ein starkes Fundament auf und zeigst Respekt vor dem Bewährten. Es ist die Phase der Grundlagen und der Demut.

  • Ha (破): „Brechen“ oder „Zerlegen“. Hier beginnst du, die Regeln kritisch zu hinterfragen und teilweise anzupassen. Du verstehst nicht nur das „Was“, sondern auch das „Warum“. Kreativität und individuelle Ausprägungen entstehen.

  • Ri (離): „Loslassen“ oder „Verlassen“. In dieser höchsten Stufe entwickelst du eigene Variationen. Du handelst aus tiefem innerem Verständnis heraus, frei, natürlich und situationsangemessen. Die Technik wird zur Intuition.



Person in blauer Hose und schwarzen Stiefeln steigt auf einem steinigen Waldpfad hinauf.
Shu Ha Ri: Drei wichtige Entwicklungsstufen *


Shu Ha Ri im Innovationsmanagement


Shu Ha Ri ist kein einmaliger Prozess, den man abschließt, sondern eine lebenslange Spirale. Es lehrt uns Respekt vor dem Bestehenden, Mut zum Hinterfragen und die Fähigkeit zum freien, schöpferischen Handeln. Gerade in einer Zeit, in der viele Führungskräfte schnell Ergebnisse wollen, bewahrt Shu Ha Ri die Notwendigkeit von Geduld, Reife und schrittweisem Vorgehen statt hektischer Übersprungshandlungen.

Für dich als Innovationsmanager bedeutet das:

In der Shu-Phase nimmst du eine neue Idee zunächst diszipliniert auf, folgst etablierten Prozessen und nutzt bewährte Templates und Methoden, um ein solides Fundament zu schaffen. In der Ha-Phase beginnst du bewusst, die Regeln zu hinterfragen und anzupassen, indem du den üblichen Workshop-Ablauf veränderst, Methoden neu kombinierst oder Teile weglässt. In der Ri-Phase schließlich handelst du intuitiv und frei. Du nutzt die bekannten Elemente nach Bedarf, kombinierst frei und erfindest Vorgehensweisen neu.

Mit Shu Ha Ri vermeidest du sowohl blinden Aktionismus als auch das Festhalten an überholten Routinen.



Shoshin – Der Anfängergeist


Shoshin (初心) ist ein zentrales Konzept des Zen-Buddhismus und wurde vor allem durch den japanischen Zen-Meister Shunryu Suzuki in seinem Buch „Zen Mind, Beginner’s Mind“ (1970) im Westen bekannt. Wörtlich bedeutet es „Anfänger-Geist“ oder „ursprünglicher Geist“.

Es beschreibt die innere Haltung, jede Situation, Aufgabe oder Idee so offen, neugierig und frei von Vorurteilen zu betrachten, wie es ein absoluter Anfänger tun würde, auch und gerade dann, wenn man bereits viel Erfahrung und Expertise besitzt.


Ein beeindruckendes Beispiel ist Phil Jackson, der legendäre NBA-Trainer der Chicago Bulls. Er integrierte Shoshin bewusst in sein Coaching. Statt das Team auf starre Spielzüge und feste Strategien zu fixieren, trainierte er die Spieler, jede Spielsituation mit frischem Blick und hoher Präsenz zu begegnen. Dieser Anfängergeist war ein wesentlicher Bestandteil des großen Erfolgs der Bulls in den 1990er Jahren.

Auch in der aktuellen Literatur, etwa in Ali Abdaals Besteller „Feel Good Productivity“, wird Shoshin als wichtiger Schlüssel für kreative und nachhaltige Leistung hervorgehoben.



Älterer Mann sitzt am Spielfeldrand mit abgenutztem Fußball, während Kinder in blauen Trikots auf sonnigem Platz spielen.
Shoshin: Mit der geistigen Frische des Anfängergeistes zuschauen *

Shoshin im Innovationsmanagement


Während Erfahrung manchmal zu schnellen Urteilen und eingefahrenen Denkmustern führen kann, bewahrt Shoshin die Fähigkeit zum echten Staunen und zur unvoreingenommenen Wahrnehmung. Es schützt vor der gefährlichen Haltung „Das kenne ich schon“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Für dich als Innovationsmanager kann Shoshin ganz praktisch bedeuten, dass du bewusst mit Menschen zusammenarbeitest, deren Denk- und Arbeitsstil sich stark von deinem unterscheidet, oder dass du gezielt Methoden und Perspektiven suchst, die du noch nie ausprobiert hast.


Die entscheidende Frage für erfahrene Innovationsmanager lautet nicht mehr, wie viel wir wissen – sondern wie gut wir es vermögen, unser Wissen immer wieder loszulassen, um mit offenen Augen neu zu sehen.

Zusammen stärker: Kombination mit westlichen Methoden


Shu Ha Ri und Shoshin werden noch wirkungsvoller, wenn wir sie bewusst mit etablierten westlichen Methoden verbinden. Dann entsteht keine bloße Addition, sondern eine echte Vertiefung.


Shu Ha Ri + Iteratives Prototyping & After Action Reviews


Iteratives Prototyping ist eine zentrale Methode aus dem Design Thinking und Lean Startup und beschreibt den zyklischen Prozess, frühzeitig einfache Versionen einer Idee zu bauen, mit Nutzern zu testen und basierend auf Feedback in mehreren Schleifen kontinuierlich zu verbessern. Es fördert schnelles Lernen durch konkrete Experimente statt langer theoretischer Planung.

After Action Reviews (AAR) wurden ursprünglich vom US-Militär entwickelt und später in agile und Lean-Umfelder übernommen. Es handelt sich um eine strukturierte Reflexion nach einem Projekt oder Sprint, bei der das Team bespricht, was gut lief, was nicht und welche Erkenntnisse mitgenommen werden.


Diese beiden Methoden passen aus diesen wesentlichen Gründen besonders gut zu Shu Ha Ri:


  • Iteratives Prototyping folgt der natürlichen Lernlogik von Shu Ha Ri: In der Shu-Phase lernst du die logischste Lösung diszipliniert und strukturiert anzuwenden. In der Ha-Phase beginnst du bewusst, die Regeln zu brechen und den Prototypen unkonventionell zu gestalten. In der Ri-Phase setzt du Ideenelemente im Prototyping intuitiv und frei ein ganz ohne Konventionen.

  • After Action Reviews (AAR) werden durch Shu Ha Ri deutlich reifer: Die strukturierte Reflexion (Shu) entwickelt sich zur kritischen Weiterentwicklung des Prozesses (Ha) und schließlich zur Ableitung ungewöhnlicher und disruptiver Verbesserungen (Ri).

In Kombination  helfen sie dir, neue Ideen und Projekte störungsarm und mit echter Lernreife ohne oberflächliches „Trial and Error“ voranzubringen.


Shoshin + How Might We & SCAMPER


Die „How Might We“-Frage (kurz HMW) ist eine zentrale Fragetechnik aus dem Design Thinking von IDEO. Statt problemorientiert zu fragen „Wie lösen wir das Problem?“, formuliert man offene, optimistische Fragen wie „Wie könnten wir (xy besser managen)…?“, um den kreativen Raum zu erweitern.

SCAMPER ist eine bewährte Kreativitätstechnik, die 1970 von Bob Eberle entwickelt wurde. Sie steht für Substitute (ersetzen), Combine (kombinieren), Adapt (anpassen), Modify (verändern), Put to another use (neu nutzen), Eliminate (eliminieren) und Reverse (umkehren) und dient der systematischen Weiterentwicklung oder Veränderung bestehender Ideen.


Diese beiden Methoden passen aus diesen wesentlichen Gründen besonders gut zu Shoshin:


  • How Might We (HMW) lebt von Offenheit und Neugier, genau die die Haltung, die Shoshin verkörpert. Statt problemfixiert zu fragen „Wie lösen wir das?“, öffnet die HMW-Frage den Raum für ein besseres Problemverständnis, ohne gleich an eine Lösung zu denken. Shoshin hilft dir, die Frage "Wie können wir xy vereinfachen?" unvoreingenommen und mit dem Staunen eines Anfängers zu stellen.

  • SCAMPER ist eine systematische Kreativitätstechnik. Mit Shoshin wird sie deutlich wirksamer, weil du bekannte Produkte, Prozesse oder Ideen nicht mit dem „Das haben wir schon probiert“-Blick betrachtest, sondern mit der frischen Neugier eines Anfängers, der keine Ideen aussortiert oder vorbewertet.

In Kombination profitieren die Methoden von der geistigen Frische des Anfängergeistes: Sie ermöglichen unvoreingenommene Kreativität und helfen dir, dich auch als erfahrener Innovationsmanager nicht von Erwartungen und (vielleicht falschen) Annahmen entmutigen zu lassen. Du entdeckst Möglichkeiten, die erfahrene Teams oft übersehen.



HowTo: Praktische Anwendung in vier Beispielen



Kirschblütenzweige in Vase im Vordergrund, dahinter unscharf Menschen an Tisch vor Poster Japanische Innovationslandkarte.
Praxisworkshop mit der japanischen Innovationslandkarte *

  1. Shu-Ha-Ri-Reflexion nach jedem Prototyping-Zyklus: Welche Phase hast du gerade durchlaufen? Was darfst du jetzt bewusst brechen oder loslassen?

  2. Shoshin-Frage vor jedem Brainstorming: „Wenn ich das zum ersten Mal sehen würde – was würde ich dann entdecken?“

  3. Bewusster Methodenwechsel: Arbeite eine Woche bewusst mit einer dir fremden Methode.

  4. After Action Review mit Shoshin: Stelle die Frage: „Was hätten wir gesehen, wenn wir als komplette Anfänger darauf geschaut hätten?“



Zum Nachdenken


Die japanische Innovationslandkarte zeigt uns immer wieder: Innovation braucht nicht nur neue Ideen, sondern auch die unvoreingenommene innere Haltung, mit der wir ihnen begegnen.

Trau dich zu staunen, trau dich Anfängerfragen zu stellen und zu vergessen, was du nur glaubst zu wissen!

Welches der beiden Prinzipien – Shu Ha Ri oder Shoshin – passt gerade eher zu deiner Situation? Ich freue mich sehr auf deine Gedanken in den Kommentaren.



Häufige Fragen zu Shu Ha Ri und Shoshin


Frage: Warum sind Shu Ha Ri und Shoshin besonders wichtig für erfahrene Innovationsmanager?

Antwort: Je mehr Erfahrung wir haben, desto stärker neigen wir zur Expertenfalle. Unsere Expertise wird zur unsichtbaren Grenze und verengt den Blick, statt ihn zu öffnen. Wir sortieren automatisch Ideen aus oder treffen Annahmen, indem wir die Vergangenheit pauschalisieren. Shu Ha Ri sorgt für eine gesunde schrittweise Entwicklung der Fähigkeit, mit bestehenden Systemen zu spielen, Shoshin bewahrt die geistige Frische und Offenheit. Zusammen verhindern sie Verengung des Blickwinkels und ermöglichen unvoreingenommene Innovation.

Frage: Für welche Projekte eignen sich Shu Ha Ri und Shoshin besonders?

Antwort: Besonders gut für komplexe Innovations- und Transformationsprojekte, in denen die Anforderungen an Erfahrungswerte hoch und gleichzeitig Veränderung notwendig ist. Weniger relevant bei sehr einfachen, standardisierten Aufgaben.


Weiterführende Links & Quellen


Wenn du tiefer in die Themen Shu Ha Ri und Shoshin eintauchen möchtest, empfehle ich folgende lesenswerte Quellen:



Im nächsten und fünften Teil der Serie geht es um das Cluster "Kultur" mit Honne tatemae & Wa. Bleib an Bord. Es lohnt sich!


👉 Hier geht´s zu den anderen Teilen dieser Blogserie: Japanische Innovationslandkarte



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*markierte Bilder erstellt mit Grok Imagine von xAI



Dr. Babette Sonntag ist Innovationsmanagerin, Keynote Speakerin und Die Innonautin. Sie hilft Managern im Mittelstand, die etwas Neues bewegen wollen und feststecken, mit japanischem Spirit als Booster. 👉 dieinnonautin.de | LinkedIn







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