Teil 3: Nemawashi und Gemba im Innovationsmanagement - Warum langsam starten schneller ans Ziel führt
- Dr. Babette Sonntag

- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit

Wie geht das - langsamer starten und schneller ankommen? Was bedeuten Nemawashi und Gemba im Innovationsmanagement überhaupt?
Ich habe Entscheidungsrunden in japanischen Teams erlebt, bei denen der Small Talk den größten Teil des Meetings einnahm, aber dann die eigentliche Entscheidung eher unspektakulär in wenigen Minuten getroffen wurde. Das lag nicht daran, dass die Entscheidung unwichtig war, sondern daran, dass alle Beteiligten vorher einverstanden mit dem waren, was beschlossen werden würde. Der Weg dahin nennt sich Nemawashi.
In Deutschland habe ich dagegen erlebt, dass Ideen brillant durchdacht, die Elevator Pitches professionell geschliffen sein können - und dann endet die Präsentation mit höflichem Nicken und es passiert nichts. Nur monatelanges Schweigen, was gute Ideen zum Versanden bringt.
Nemawashi und Gemba im Innovationsmanagement
In Teil 1 (Link zum Blogpost) habe ich die zwölf Prinzipien der japanischen Innovationslandkarte vorgestellt. In Teil 2 (Link zum Blogpost) haben Ikigai und Mono no aware gezeigt, wie Sinn und Gelassenheit unsere westlichen Methoden vertiefen. Heute, in Teil 3, widme ich mich zwei Prinzipien, die den Übergang von der Idee zur wirklichen Umsetzung grundlegend verändern: Nemawashi und Gemba. Sie verkörpern einen starken japanischen Beitrag zum Innovationsmanagement:
Erst bewusst verlangsamen, um dann umso sicherer und schneller anzukommen.

Nemawashi im Innovationsmanagement: Die unsichtbare Kraft der Wurzelarbeit
Nemawashi (根回し) bedeutet wörtlich „um die Wurzeln herumgehen“. Der Begriff stammt aus der traditionellen japanischen Gartenkunst: Bevor ein wertvoller Baum an einen neuen Ort verpflanzt wird, lockert man sorgfältig die Erde um seine Wurzeln, schneidet beschädigte Teile vorsichtig ab und bereitet ihn auf die neue Umgebung vor. Nur so kann er gesund weiterwachsen.
Im Unternehmenskontext beschreibt Nemawashi den informellen Prozess des Konsensaufbaus vor einer formalen Entscheidung. Es geht darum, mit relevanten Stakeholdern einzeln und in Ruhe zu sprechen. Wichtig ist dabei nicht, die Gesprächspartner zu überzeugen, sondern, ihre Perspektiven, Bedenken, Interessen und Verbesserungsvorschläge wirklich zu verstehen.
Dieses Prinzip ist tief in japanischen Werten verwurzelt: Respekt vor dem anderen, Harmonie (Wa) und die Überzeugung, dass eine Entscheidung nur dann gut ist, wenn sie von den Menschen, die sie betreffen, mitgetragen wird. Es signalisiert: „Deine Sichtweise ist wichtig. Ich nehme mir Zeit, sie zu hören und sie zu berücksichtigen, bevor ich etwas vorschlage.“

Nemawashi im Innovationsmanagement
Nemawashi bedeutet im Innovationsalltag vor allem eines: Du investierst bewusst Zeit in informelle Vorbereitung, bevor eine Idee offiziell auf den Tisch kommt. Statt eine fertige Präsentation in ein großes Meeting zu werfen, führst du vorher ruhige 1:1-Gespräche mit den wichtigsten Stakeholdern.
Du fragst nicht „Findest du das gut?“, sondern „Welche Bedenken hast du? Was würde diese Idee für dich und dein Team schwierig oder wertvoll machen?“ So baust du echtes Verständnis, Trägerschaft und Mitverantwortung auf. Das Ergebnis: Deine Innovationsvorhaben stoßen nicht im entscheidenden Moment auf versteckten Widerstand. Nemawashi verwandelt „meine Idee“ in „unsere Idee“.
Wichtig ist es, den anderen die Zeit zu geben, den Vorschlag zu überdenken und sie dazu zu bringen, konstruktives Feedback einfließen zu lassen. Durch ein solches Investment an Zeit kann Trägerschaft aufgebaut werden.
Man investiert bewusst Zeit in Beziehungspflege, bei der es im Kern um das Zuhören und Verstehen von Standpunkten geht.
Bei Toyota beispielsweise kann diese Vorbereitungsphase neun bis zehn Monate dauern. Was auf den ersten Blick wie Verzögerung wirkt, führt in der Umsetzung später dann zu beeindruckender Geschwindigkeit und Stabilität, denn Widerstände wurden bereits im Vorfeld erkannt und gelöst.
Für dich als Innovationsmanager bedeutet Nemawashi:
Nimm dir bewusst die Zeit für persönliche Gespräche.
Spreche frühzeitig mit anderen offen über deine neue Idee.
Mache dich bewusst frei davon, schnell ein formelles Ergebnis vorweisen zu wollen.
Gemba im Innovationsmanagement – Geh hin und sieh selbst

Gemba (eigentlich "genba" 現場) bedeutet schlicht „der reale Ort“. Der zentrale Grundsatz ist Teil von Kaizen und lautet Genchi Genbutsu, in etwa „geh hin und sieh selbst“ (mehr in meinem Blogpost Kaizen trifft Shinto: Wie man mit japanischen Traditionen mehr Innovation schafft). Statt auf Berichte, Präsentationen oder Dashboards zu setzen, verlassen Führungskräfte und Teams ihre Büros und begeben sich dorthin, wo die eigentliche Wertschöpfung stattfindet: in die Produktion, zum Kunden, in den Alltag der Nutzer.
Auch dieses Prinzip ist Ausdruck tiefen Respekts: Respekt vor der Realität und vor den Menschen, die tagtäglich dort arbeiten. Es drückt die Haltung aus, dass niemand, auch nicht die höchste Führungskraft, die Wahrheit besser kennt als diejenigen, die direkt am Geschehen sind.
Gemba im Innovationsmanagement
Taiichi Ohno, einer der Architekten des Toyota Production Systems, hat immer wieder betont:
Geh an den Ort des Geschehens. Die Antwort liegt dort, nicht in deinem Büro.
Sony hat diese Haltung über Jahrzehnte gelebt: von der Entwicklung des Walkmans bis zu modernen Imaging- und Sensortechnologien. Auch SoftBank nutzt intensive Gemba-Beobachtungen, um in komplexen Tech-Investitionen Verständnis über reine Zahlen hinaus aufzubauen.
Für dich als Innovationsmanager bedeutet Gemba:
Verlasse dein Büro und gehe dorthin, wo deine neue Lösung später genutzt werden soll.
Stelle dort Fragen, um die Arbeitsweisen und Herausforderungen besser zu verstehen.
Verlasse dich nicht auf Berichte Dritter.
Zusammen stärker: Nemawashi und Gemba in Kombination mit westlichen Innovationsmethoden
Allein sind beide Prinzipien bereits äußerst wirksam. Zusammen bilden sie ein starkes Fundament: Nemawashi bereitet den menschlichen Boden, Gemba liefert die reale Basis. Sie verkörpern die japanische Gelassenheit, dass echte Geschwindigkeit nicht am Anfang entsteht, sondern durch sorgfältige Vorbereitung.
Besondere Stärke können wir entfalten, wenn wir diese beiden japanischen Prinzipien mit den passenden westlichen Methoden kombinieren:
Nemawashi + Elevator Pitch und Stakeholder Mapping
Der Elevator Pitch (eine kurze, überzeugende Zusammenfassung einer Idee, siehe auch meine Blogbeiträge Überzeugen im Pitch: Mit nur 4 Bausteinen zu besserer Kommunikation und Das ganze Leben ist ein Pitch...) und das Stakeholder Mapping (systematische Analyse von Einfluss und Interesse der Beteiligten) sind strukturierte westliche Werkzeuge. Sie helfen, Ideen zielgruppengerecht klar zu kommunizieren und die richtigen Personen für die jeweilige Argumentation zu identifizieren.
Mit Nemawashi verhinderst du, in die typische Pitch-Falle zu tappen: einen perfekten Pitch oder MVP allein zu entwickeln und ihn dann „abzufeuern“. Stattdessen testest und verfeinerst du ihn in vielen informellen 1:1-Gesprächen. Du hörst echte Bedenken und Ergänzungen, passt die Idee darauf an und baust bereits Vertrauen auf.
Das Stakeholder Mapping ist mit Nemawashi nicht nur eine Analyse auf Papier, sondern ein lebendiges Werkzeug, mit dem du planst, wen du in welcher Reihenfolge ansprichst.
Der Elevator Pitch und das Stakeholder Mapping sind die Werkzeuge und Nemawashi ist der Weg.
Übrigens: Was beim Pitchen oft vergessen wird: Du brauchst für ein und dieselbe Idee verschiedene Pitches, die auf die jeweiligen Stakeholder zugeschnitten sind. "One size fits all" funktioniert hier nicht.
Die beiden Methoden passen aus diesen wesentlichen Gründen besonders gut zu Nemawashi:
Der Elevator Pitch und das Stakeholder Mapping sind starke westliche Werkzeuge, doch sie fühlen sich oft theoretisch an. Nemawashi macht sie aus drei Gründen greifbarer:
Es macht den Pitch lebendig: Durch informelle Vorgespräche verfeinerst du deine Botschaft mit realen Einwänden und Formulierungen der Stakeholder.
Es verwandelt das Mapping von einer statischen Analyse in ein Werkzeug für echte Beziehungspflege.
Es schafft bereits vor der formalen Präsentation Vertrauen und Mitverantwortung. Du vermeidest die klassische westliche Falle: einen brillanten, aber nicht mitgetragenen Vorschlag. Stattdessen entsteht eine Lösung, die bereits im Vorfeld von den wichtigen Menschen mitgestaltet wurde. Das führt zu deutlich höherer Akzeptanz und Umsetzungsgeschwindigkeit.
Zusammen entsteht nicht nur eine kluge Idee, sondern eine Idee, die bereits Wurzeln geschlagen hat.
Gemba + Eye of the Customer und Jobs to be Done (JTBD)
Eye of the Customer (die Perspektive des Kunden einnehmen) und Jobs to be Done (die echten „Jobs“, die Kunden erledigen müssen oder wollen) sind zentrale Methoden nutzerzentrierter Innovation. Sie helfen, Bedürfnisse jenseits oberflächlicher Wünsche zu verstehen.
Gemba macht diese Methoden lebendig und authentisch: Statt nur Umfragen auszuwerten oder zu recherchieren, gehst du selbst an den realen Ort. Du siehst mit eigenen Augen, wie Kunden oder Mitarbeitende mit Produkten und Prozessen ringen, welche unbewussten Arbeitsschritte sie ausführen und wo echte Schmerzen liegen. Du stellt direkt dort Fragen und lässt dir vielleicht auch Jobs zeigen.
Das Prinzip Gemba erfordert Mut und Organisation, gibt dir dafür aber unverfälschte Einblicke zurück.
Die beiden Methoden passen aus diesen wesentlichen Gründen besonders gut zu Gemba:
Eye of the Customer und Jobs to be Done sind hervorragende Methoden, um Nutzerbedürfnisse zu verstehen. Gemba bringt eine entscheidende Dimension hinzu: die unverfälschte Realität.
Gemba macht theoretische Erkenntnisse konkret: Du siehst live, welche „Jobs“ Menschen wirklich erledigen und wo verborgene Schmerzen liegen.
Es ergänzt die empathische Perspektive um direkte Beobachtung statt nur gefilterter Aussagen.
Gemba erfordert zwar Mut und zeitlichen oder organisatorischen Aufwand, bringt aber die unverfälschte Realität hinein.
Die Kombination führt zu Lösungen, die nicht nur „nice“ sind, sondern wirklich funktionieren, weil sie auf tiefer, direkter Beobachtung und direkter User-Interaktion beruhen.
HowTo: Praktische Anwendung in vier Beispielen

Du musst nicht deine gesamte Arbeitsweise umstellen oder Japanisch lernen. Ich stelle dir vier konkrete, sofort umsetzbare Impulse vor:
Nemawashi-Vorbereitungsrunde vor jedem wichtigen Pitch oder Entscheidungsworkshop: Plane 3–6 informelle 1:1-Gespräche. Frage bewusst: „Was sind deine größten Bedenken?“ und „Was würde diese Idee für dich besser machen?“ Verarbeite und integriere das Gehörte in deine Ideenbeschreibung.
Gemba-Walk vor jeder größeren Customer-Research-Phase oder Prototypenpräsentation: Widme 60–120 Minuten dem realen Ort, an dem später deine Lösungsidee eingesetzt werden soll. Beobachte ohne vorgefertigte Meinungen und frage einfach „Warum machst du das so?“ Werte deine Beobachtungen aus und arbeite die Schlussfolgerungen in deine Ideenbeschreibung ein..
Hybrid-Stakeholder-Prozess: Mache zuerst ein klassisches Stakeholder Mapping, führe dann Nemawashi-Gespräche mit einigen identifizierten Stakeholdern (z.B. die 2 gewogensten und die 2 schwierigsten), erarbeite dann erst auf der gemeinsamen Basis einen Pitch.
2-Monatlicher Gemba-Tag im Team: Richte einen festen Termin, an dem das gesamte Innovationsteam „rausgeht“, um relevante Unternehmensbereiche, Kunden etc. durch Beobachtung und Nachfragen besser zu verstehen. Danach macht eine kurze Reflexion: Was haben wir heute wirklich gelernt, das wir vorher nicht wussten?
Zum Nachdenken
Die japanische Innovationslandkarte ist kein fertiges Rezeptbuch, sondern ein lebendiger Kompass. Nemawashi und Gemba erinnern uns daran, dass die Investition von Zeit für Respekt vor Menschen und Realität keine Verzögerung, sondern die Grundlage für nachhaltige Erfolge ist.
Welches der beiden Prinzipien möchtest du in deinem nächsten Projekt als Erstes ausprobieren? Ich freue mich sehr über deine Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.
Häufige Fragen zu Nemawashi und Gemba
Frage:
Warum „langsamer starten, um schneller anzukommen“?
Antwort:
Durch frühe Konsensbildung (Nemawashi) und reale Beobachtung (Gemba) reduzierst du spätere Widerstände und Nachbesserungen deutlich. Die Umsetzung wird dadurch spürbar schneller und stabiler.
Frage:
Für welche Projekte eignen sich die beiden Prinzipien besonders?
Antwort:
Besonders für komplexe, stakeholder-reiche Innovations- und Transformationsprojekte, weniger für sehr schnelle, experimentelle Startup-Ideen.
Im nächsten und vierten Teil der Serie geht es um das Cluster "Lernen" mit Shi Ha Ri und Shoshin: "Wie entwickeln Menschen Innovationsfähigkeit?" Bleib an Bord. Es lohnt sich!
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Dr. Babette Sonntag ist Innovationsmanagerin, Keynote Speakerin und Die Innonautin. Sie hilft Managern im Mittelstand, die etwas Neues bewegen wollen und feststecken, mit japanischem Spirit als Booster. 👉 dieinnonautin.de | LinkedIn


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